Gendermedizin: Frauen und Männer sind anders krank

Gendermedizin ist eine noch junge Fachrichtung der Medizin, die erstmals in den Blick fasst, was eigentlich jeder weiß: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Sie will ermöglichen, dass beiden Geschlechtern die bestmögliche Behandlung zukommt.

Zur Erkältungszeit haben es Männer doppelt schwer. Neben Viren werden sie von hämischen Sprüchen verfolgt: "Ein Mann lässt sich nur krankschreiben, wenn es lebensbedrohlich ist. Zum Beispiel bei Schnupfen."
Tatsächlich zeigen einschlägige Studien, dass es den Männer-Schnupfen wirklich gibt. Bei Grippe müssen Männer öfter in die Klinik als Frauen. Bei Infekten der Atemwege sind sie anfälliger für Komplikationen.

Medikamentenstudien ohne Frauen -
Männer als Norm

Viele Untersuchungen orientierten sich bisher, abgesehen von Erkrankungen der Geschlechtsorgane sowie Schwangerschaft und Geburt, vor allem an Männern. Männer galten als medizinische Norm. Frauen werden in Impf- und Medikamenten-Studien noch immer nicht angemessen berücksichtigt.

FrauFrauen von Studien auszuschließen kann aber gefährlich sein. So erwies sich ein jahrzehntelang verschriebenes Medikament gegen Herzschwäche gar als lebensverkürzend, wenn Frauen es einnahmen, während Männer eindeutig davon profitierten.

Frauen wird in der Therapie in der Regel die gleiche Dosis empfohlen wie Männern – ohne zu berücksichtigen, dass sie Medikamente häufig anders aufnehmen, verstoffwechseln und ausscheiden. Deswegen treten bei ihnen auch häufiger Nebenwirkungen auf.

Frauen haben ein aktiveres Immunsystem

Das ist nicht überraschend, denn Frauen haben ein aktiveres Immunsystem. Die Kehrseite: Dadurch erkranken auch mehr Frauen an Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multipler Sklerose als Männer. Mit Ausnahme des Typ-1 Diabetes: Ab der Adoleszenz sind Männer häufiger betroffen. Beim Asthma ist es umgekehrt: Bis zur Pubertät erkranken häufiger Jungen, danach sind es mehr Frauen.

Gendermedizin: Hier unterscheiden sich Frauen und Männer

Frauen leben im Schnitt fünf Jahre länger als Männer. 

Leber: Frauen vertragen weniger Alkohol als Männer. Die Leber ist bei Frauen nicht nur kleiner, auch alkoholabbauende Enzyme sind je nach Geschlecht unterschiedlich aktiv. Das gilt auch für den Abbau von Arzneimitteln. Da Frauen zudem oft kleiner und leichter sind, werden Medikamente bei ihnen eher überdosiert.

Hormone: Die Geschlechtshormone sind wesentlich daran beteiligt, dass sich Frauen und Männer äußerlich unterscheiden. Ihre Wirkung geht aber viel weiter. Die Botenstoffe beeinflussen unter anderem das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Funktion von Organen.

Herz: Unterschiedliche Symptome können häufig zu Fehldiagnosen führen. Stechende Brustschmerzen, die in den Arm ausstrahlen, ein Engegefühl im Brustkorb: Fast jeder denkt bei solchen Beschwerden an einen Herzinfarkt. Bei Frauen sind die Symptome aber häufig ganz andere: Ihnen ist dann oft übel, sie sind erschöpft oder haben Schmerzen im Oberbauch und im Rücken.

Darm: Der weibliche Darm arbeitet meist etwas langsamer als der von Männern. Dies wirkt sich nicht nur auf die Aufnahme von Medikamenten aus. Schädliche Substanzen in der Nahrung haben mehr Zeit, die Darmwand anzugreifen. Männer dagegen erkranken häufiger und früher an Darmkrebs.

Schilddrüse: Frauen erkranken deutlich öfter an der Schilddrüse, etwa an Morbus Basedow oder der Hashimoto-Thyreoiditis.

Fettzellen: Frauen besitzen im Schnitt mehr Fettgewebe und weniger Muskelmasse als Männer. Der Wasseranteil in ihrem Körper ist dagegen geringer.

Nieren: Vor allem ältere Frauen haben häufig eine Nierenschwäche. Medikamente bleiben länger im Körper, was zu Überdosierungen führen kann.

Knochen: Osteoporose gilt als Frauenproblem. Aber auch etwa ein Drittel der Männer über 70 Jahre leidet an Osteoporose, was oft unerkannt bleibt. Eine zu geringe Knochendichte bei Männern wird häufig unterschätzt und nicht früh genug diagnostiziert. Bei Osteoporose (wie auch bei Depressionen) werden die Medikamente übrigens häufiger an Frauen getestet. Im Ergebnis heißt das, dass sie bei Männern möglicherweise nicht vergleichbar gut wirken.

Frauen leiden öfter an Nebenwirkungen von Medikamenten

Männer und Frauen unterscheiden sich bezüglich des Fett-, Muskel- und Wasseranteils im Körper, sodass Arzneien sich anders verteilen und unterschiedlich schnell abgebaut werden. Frauen sind in der Regel kleiner und wiegen weniger. Arzneien werden daher oft überdosiert. Generell braucht eine Tablette doppelt so lange durch den weiblichen Verdauungstrakt.


Impfen bei FrauenEinige Studien zeigen, dass bei Frauen oft die halbe Dosis reicht, um mit einer Grippeimpfung die gleiche Wirkung zu erzielen wie bei Männern. Auch der Schutz hält beim weiblichen Geschlecht in der Regel länger an.

 

 

Rauchen, Bauchfett und Stress sind für Frauen gefährlicher

Die meisten neuen Studienergebnisse stammen aus der Herzmedizin, die als erste Fachrichtung geschlechtsspezifische Aspekte in den Blick fasste. Hier gibt es auch bereits Erfolge. So blieb ein Herzinfarkt bei Frauen früher oft unerkannt. Das ist heute anders.

Auch bei Diabetes zeigt sich zunehmend, dass Frauen anders krank sind als Männer. Erhöhtes Bauchfett als verstärkender Risikofaktor wirkt sich bei Frauen negativer aus. Rauchen, Feinstaub und Stress schaden Frauen generell mehr. Bei Krebs haben indes männliche Patienten die schlechteren Karten. Sie erkranken nicht nur häufiger. Beim gleichen Tumor hat der Mann generell das höhere Risiko, daran zu sterben.

Bei Depressionen sind Männer benachteiligt. Männer tun sich oft schwerer als Frauen, sich Hilfe bei psychischen Problemen zu holen. Auch die Symptome können sich unterscheiden. Depressive Männer leiden häufiger unter Reizbarkeit, statt unter der typischen Antriebslosigkeit. Das kann die Diagnose verzögern. Männer mit Depressionen begehen deutlich häufiger Suizid als Frauen.

Ein Umdenken ist also nötig und wird auch schon mit Erfolg betrieben. Bei der Zulassung eines neuen Medikaments müssen heute Frauen in die Tests einbezogen werden.

Bislang gibt es nur ein Institut für Gendermedizin in ganz Deutschland, nämlich in Berlin an der Charité. Wie wirksam es ist, die Gendermedizin zum Lehrinhalt zu machen, zeigt das Beispiel Österreich. An Universitäten wird Medizinstudenten schon früh beigebracht, wie Männer und wie Frauen behandelt werden sollten. Und das funktioniert: Das Bewusstsein für Geschlechterunterschiede in der Medizin steigt dadurch. Vielleicht führt das ja eines Tages dazu, dass Frauen selbst fragen, was für sie als Patientin eine angemessene Behandlung ist.

 

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